Sinnzentrierte Psychotherapie

Logotherapie & Existenzanalyse (LE) nach V. Frankl

Begriffserklärung

Der griechische Begriff „Logos“ bedeutet u.a. „Wort und Rede“ und meint damit deren Gehalt, deren Wesentlichkeit (= Sinn). Er steht aber auch für „Vernunft“, das Prinzip der „Weltvernunft“ oder auch „Gesamtsinn unserer erfahrbaren Wirklichkeit“.

Was ist Logotherapie?

In der Logotherapie geht es um eine sinn- und werte-orientierte Psychotherapie sowie Beratungs- und Bildungsarbeit. Hierbei werden die Werte dem Einzelnen nicht vorgegeben, vielmehr wird der Patient/Klient in seiner eigenen Sinn- und Wertfindungsarbeit durch das spezifische logotherapeutisches Instrumentarium unterstützt.

Die Motivationslehre nach Frankl

Ihr Begründer, der österreichische Psychiater und Neurologe Prof. Viktor E. Frankl (1905–1997), geht davon aus, dass der Mensch – anders als S. Freud meint – nicht von unbewussten Trieben gesteuert würde, sondern dass die menschliche Hauptmotivation existentiell auf Sinn ausgerichtet sei. Er postuliert einen elementaren, angeborenen „Willen zum Sinn“. Frankl selbst musste zweieinhalb Jahre lang in vier verschiedenen Konzentrationslagern um das Überleben ringen – körperlich wie auch seelisch. Nach dem Grauen der Lagerjahre folgte die Verzweiflung bei der Heimkehr: in nur drei Wochen erfuhr er vom Tod seiner Frau, seiner Mutter, seines Bruders und vieler Freunde. Diese Erfahrung wurde zum unbeabsichtigten „Schlüsselexperiment“ seiner Logotherapie. Er erfuhr dabei, dass Sinn im Leben nicht nur „lebenswichtig“ ist, sondern in dieser extremen Situation sogar „über-lebenswichtig“ war.

Die noetische Dimension

Der „leidende Mensch“ ist – nach Frankl – nicht nur von körperlicher und psychischer Krankheit betroffen, sondern er leidet nicht selten auch unter einer „geistigen“ Not“ (gr. nous = Geist), die sich u.a. in einem Gefühl der tiefen Sinnlosigkeit ausdrückt.

Wo die Sehnsucht nach Sinn nicht erfüllt wird, entwickeln sich Probleme, die zu ernsthaften Störungen und Erkrankungen führen können. In diesem Zusammenhang nennt er folgende Begriffe:

Existenzielle Frustration: Der Mensch findet seinen Sinn nicht. Dieser Zustand belastet ihn sehr, ist jedoch nicht pathogen.

Existenzielles Vakuum: „Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er tun muss, und im Gegensatz zum Menschen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er tun soll. Nun, weder wissend, was er muss, noch wissend, was er soll, scheint er oftmals nicht mehr recht zu wissen, was er im Grunde will. So will er im Grunde nur das, was die anderen tun – Konformismus! Oder aber er tut nur das, was die anderen von ihm wollen – Totalitarismus“ (Frankl, Viktor: „Das Leiden am sinnlosen Leben“)

Existenzanalyse

Bei der Existenzanalyse geht es um die anthropologische Grundlage der logotherapeutischen Arbeit. Eine der Kernaussagen der Existenzanalyse besagt: Der Mensch, als „geistige Person“ hat die Fähigkeit zur „Freiheit und Verantwortung“. Er kann in den wechselnden Situationen des Lebens, bei sozialen oder materiellen Umbrüchen, bei Krankheit etc. stets im Rahmen des Möglichen seine Situation so oder so gestalten. Ist eine Lebenssituation unabänderbar, stellt immer noch die „Einstellung“ zu dieser eigenen Lebenssituation einen Wert dar. Nach Frankls Auffassung können zwar Körper (z. B. das Nervensystem) sowie die Psyche (Emotion, Kognition) erkranken. Aber die geistige Dimension (gr. nous) steht jenseits jeder Krankheit, auf dieser Ebene bleibt das Individuum gesund.

Methoden (u.a.)

Enneagramm-Arbeit (Typenlehre) – Konzentriertes Gespräch – Sokratischer Dialog (spezifische Fragetechnik) – Einstellungsmodulation – Paradoxe Intention (zur Selbstdistanzierung) – Dereflexion (zur Stärkung der Selbsttranszendenz) – Geführte Imaginationen (Begegnungen mit inneren Sinnbildern) u. a.

Anwendungsfelder der LE

Logotherapie wird in der Psychiatrie und Psychotherapie besonders dann als bereichernde und wertvolle Ergänzung erfahren, wenn die gängigen Therapieformen an ihre Grenzen stoßen. Weitere Anwendungsfelder u. a. sind Lebensberatung, präventive Arbeit in der Jugend- und Erwachsenenbildung, Krisenbegleitung bei Trauer und Verlusten sowie alle Bereiche der Seelsorge und des Coaching in Wirtschaft sowie allen pädagogischen und sozialen Arbeitsfeldern.

Beispiel: Logotherapie und Erziehung

Wertorientierung in Erziehung und Bildung bietet einen ganz neuen Ansatz zur Begegnung der Orientierungslosigkeit, mit denen Lehrkräfte und Pädagogen – angesichts der zunehmend gewaltbereiten wie auch lebensmüden jungen Menschen – konfrontiert sind. Werte, wie Freiheit, Verantwortung, Hoffnung, Liebe werden von den jungen Menschen nach wie vor ersehnt, aber Materialismus, Konsumrausch, Medienüberflutung wie auch zunehmende Armut überfordern Jugendliche genauso wie Eltern, Lehrer und Erzieher.

Die LE bietet ein Instrumentarium, um auf die Probleme der Zeit allgemein sowie gerade auch auf die drängenden Probleme Jugendlicher angemessen und „sinn-voll“ zu antworten.

Wissenschaftliche Anerkennung

Die Effizienz der LE wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten nachgewiesen. Sie ist in vielen Länder offiziell anerkannt, wie z.B. Österreich, Schweiz, USA, Japan u.a.

Die LE arbeitet integrativ (sinnzentriert, lösungs- und ressourcenorientiert, mit Tiefen- und Höhenpsychologie und ebenso verhaltenstherapeutischen Ansätzen) und ist von daher schulenübergreifend und somit ein Psychotherapie-Modell der Zukunft.